Prozesskostenrechnung

Hintergrund der Entwicklung der Prozesskostenrechnung war die Kritik an der traditionellen Kostenrechnung bzgl. der Gemeinkosten-Verrechnung. Hinzu kam, dass durch die Automatisierung und Steigerung der Komplexität der Produkte der Anteil der Gemeinkosten in den Industriebetrieben in der Vergangenheit stetig gestiegen ist. Tatsächlich hat der Anteil der Gemeinkosten an den Gesamtkosten in den letzten 20 Jahren in fast allen Industriebetrieben die 2/3-Grenze überschritten. (Quelle: Langenbeck, Jochen: Kosten- und Leistungsrechnung, Herne, nwb, 2008, S. 192., Kosten- und Leistungsrechnung: Grundlagen. Vollkostenrechnung. Teilkostenrechnung. Plankostenrechnung. Prozesskostenrechnung. Zielkostenrechnung. Kosten-Controlling ) Ebenso war die steigende Prozessorientierung der Unternehmen der Entwicklung der Prozesskostenrechnung förderlich.

Die Problematik der Gemeinkostenverrechnung in der traditionellen Vollkostenrechnung und auch bei der Grenzplankostenrechnung lässt sich an einfachen Beispielen aufzeigen.

(Literaturhinweis: Kremin-Buch, Beate: Strategisches Kostenmanagement, Grundlagen und moderne Instrumente, 4. Auflage, Wiesbaden, Gabler, 2007, S. 34 f., Strategisches Kostenmanagement: Grundlagen und Moderne Instrumente Mit Fallstudien (German Edition) )

Im Materialbereich werden typischerweiese die Materialeinzelkosten als Schlüssel für die Verrechnung der Materialgemeinkosten genommen. Im Falle der Materialbestellung (=Materialgemeinkosten) stellen diese jedoch keinen geeigneten Schlüssel dar. Dies liegt daran, dass für die Bestellung nicht relevant ist, wie viel die bestellten Materialien kosten. Das folgende einfache Beispiel zeigt diese Problematik:

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Beispiel zur Prozesskostenrechnung (Beschaffung von Fertigungsmaterial):

Beschaffung von 1 Stück zum Preis von 100 €/Stück bei einem Materialgemeinkostenzuschlag von 10%.

Die Beschaffung von 1 Stück kostet demnach 100 € + 10 € = 110 €.

Die Beschaffung von 100 Stück kostet demnach 100.000 € + 10.000 € = 110.000 €, aber:

Es ist völlig unrealistisch, dass sich die Beschaffungskosten derart verändern, wenn sich die Bestellmenge erhöht.

(Literaturhinweis: Olfert, Klaus: Kostenrechnung, 15. Auflage, Ludwigshafen, Kiehl, 2008, S. 341.)

Dieselbe Problematik lässt sich auch für die Verrechnung von indirekten Fertigungsgemeinkosten auf der Basis von Fertigungslöhnen oder Maschinenstunden aufzeigen. Für die Kosten der Arbeitsvorbereitung bspw. sind Fertigungslöhne oder Maschinenstunden keine geeignete Bezugsgröße, da diese eher von der Komplexität der Produkte, von der Auflagengröße sowie davon abhängen, ob es sich um Standardprodukte bzw. exotische Varianten handelt.

(Literaturhinweis zur Problematik der Gemeinkostenverrechnung im Fertigungsbereich: Kremin-Buch, Beate: Strategisches Kostenmanagement, Grundlagen und moderne Instrumente, 4. Auflage, Wiesbaden, Gabler, 2007, S. 34., Strategisches Kostenmanagement: Grundlagen und Moderne Instrumente Mit Fallstudien (German Edition) )

Beispiel zu Vertriebsgemeinkosten in der Prozesskostenrechnung

Auch im Vertriebsbereich kann die Verrechnung von Vertriebsgemeinkosten als prozentualer Zuschlag auf die Herstellkosten problematisch sein. Dies zeigt das folgende Beispiel:

Die Herstellkosten der Abrechnungsperiode belaufen sich auf 1.000.000 Euro. Zusätzlich betragen die Vertriebsgemeinkosten für den gleichen Zeitraum 200.000 Euro. Damit entsprechen sie einem Zuschlag von 20% auf die Herstellkosten. Ergänzend betragen die Herstellkosten je 1 Einheit des Produktes 100 Euro pro Stück.

Verrechnete Gemeinkosten bei Anwendung des Kalkulationszuschlags
 Bei Verkauf von
1 Einheit
Bei Verkauf von
100 Einheiten
Herstellkosten
20 % Vertriebsgemeinkosten
100 Euro
20 Euro
10.000 Euro
2.000 Euro

Sicherlich kann davon ausgegangen werden, dass die Vertriebsabteilung bei einem Verkauf von 100 Einheiten nicht die hundertfachen Kosten verursacht im Vergleich zum Verkauf einer Einheit.

(Literaturhinweis zur Problematik der Gemeinkostenverrechnung im Vertriebsbereich: Langenbeck, Jochen: Kosten- und Leistungsrechnung, Herne, nwb, 2008, S. 193 f.)

Im Gegensatz zu dieser Vorgehensweise versucht die Prozesskostenrechnung eine leistungsabhängige Verrechnung von Prozesskosten vorzunehmen. Dazu ermittelt und bewertet sie im Beispiel die Aktivitäten der Auftragsbearbeitung und verrechnet diese auf die Aufträge:

Betrachten Sie dazu Folgendes: Es gelten die Ausgangsdaten aus dem vorherigen Beispiel. Zusätzlich sei bekannt, dass die Vertriebsabteilung in derselben Periode 10.000 Vertriebsabschlüsse bearbeitet.

Dann entfallen auf einen Vertriebsabschluss (unabhängig von der Vertriebsmenge) durchschnittlich Kosten in Höhe von Prozesskosten/Prozessmenge = 200.000 Euro / 10.000 Vertriebsabschlüsse = 20 Euro je Vertriebsabschluss.

Verrechnete Gemeinkosten bei Anwendung des Prozesskostensatzes
 Bei Verkauf von
1 Einheit
Bei Verkauf von
100 Einheiten
Herstellkosten
Vertriebsgemeinkosten
100 Euro
20 Euro
10.000 Euro
20 Euro

(Literaturhinweis: Langenbeck, Jochen: Kosten- und Leistungsrechnung, Herne, nwb, 2008, S. 193 f., Kosten- und Leistungsrechnung: Grundlagen. Vollkostenrechnung. Teilkostenrechnung. Plankostenrechnung. Prozesskostenrechnung. Zielkostenrechnung. Kosten-Controlling )